SOLIAKTION

Tarifvertrag? „Nicht unser Bier“, sagt die Gilde Brauerei. Die IG Metall sieht das anders.

  • 06.02.2020
  • News

Hannover – In einem der ältesten Unternehmen Hannovers rumort es gewaltig. Während sich 130 Beschäftigte der Gilde Brauerei nach fairen und mitbestimmten Arbeitsbedingungen in Form von Tarifverträgen sehnen, strebt die Gilde-Geschäftsführung eine Spaltung für Hannovers älteste Brauerei in vier Gesellschaften an.

IG Metaller*innen aus ganz Niedersachsen und Sachsen-Anhalt

Aus diesem Grunde sagte sie die vereinbarten Termine für die Tarifverhandlung mit der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) kurzfristig ab und stellte eine Fortsetzung der Tarifverhandlungen frühestens im Laufe des Jahres 2020 in Aussicht. Gegensätzlicher könnten die Positionen beider Seiten kaum sein. Eine Eskalation des Konflikts ist voll im Gange.

Nun solidarisieren sich auf einer Geschäftsführertagung des IG Metall-Bezirks 100 führende Funktionäre aus ganz Niedersachsen und Sachsen-Anhalt mit der Belegschaft der Brauerei. „Wir fordern für Kolleginnen und Kollegen bei Gilde nur das, was für die Millionen Beschäftigten in Deutschland normal ist: Tarifverträge“, so IG Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger und der Erste Bevollmächtigte Dirk Schulze aus Hannover.

 

Seit dem Erwerb der Gilde Brauerei durch die TCB Beteiligungsgesellschaft mbH zum Jahreswechsel 2015/2016 entwickeln sich die Arbeitsbedingungen der Brauerei-Belegschaft scherenhaft auseinander. Bei gleicher Tätigkeit erhalten Beschäftigte, die seit 2016 eingestellt wurden, jährlich durchschnittlich 15.000 Euro brutto weniger als ihre Kolleginnen und Kollegen, die noch Ansprüche auf die vormals gültigen Tarifkonditionen haben. Die NGG hingegen will gleiche Arbeitsbedingungen für die Gilde-Belegschaft herstellen, um der Zweiklassengesellschaft im Unternehmen ein Ende zu machen. Bereits 2016 verhandelte die NGG mit der Gilde-Geschäftsführung über einen Haustarifvertrag für die Brauereibeschäftigten in der Südstadt. Damals kamen die Verhandlungen ohne Einigung zum Erliegen. Auch in der aktuellen Tarifrunde 2019 geht es wieder um ein Tarifpaket, welches sich an den Konditionen des Flächentarifvertrages der Brauwirtschaft in Niedersachsen orientieren soll. Somit stehen nahezu alle Tarifverträge zur Diskussion: Dazu gehören der Entgelt- und Entgeltrahmen-, Altersvorsorge- sowie Manteltarifvertrag mit Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Der Unterschied zu 2016: Die Gilde-Belegschaft ist mittlerweile bestens organisiert.

 

Mit dem Jahresbeginn hat die Gewerkschaft NGG die Streiks ausgeweitet und die mittlerweile in vier Unternehmen aufgespaltene Brauerei mehrtägig bestreikt. Lena Melcher, Geschäftsführerin der NGG-Region Hannover: „Nach einem ergebnislosen Verhandlungstermin im August hatte die Unternehmensleitung den zweiten Termin im September abgesagt und uns auf unbestimmte Zeit vertröstet. Deshalb hat die NGG Ende November zur Urabstimmung aufgerufen. Das Ergebnis: 94 Prozent unserer Mitglieder unterstützen die Forderung nach fairen Arbeitsbedingungen und Tarifverträgen. Dieses eindeutige Votum sollte auch die Unternehmensleitung ernst nehmen und endlich verhandeln.“

 

Allerdings hat die Unternehmensleitung von Gilde ihre Handlungen weiter verschärft, indem sie Beschäftigte bis Ende dieser Woche ausgesperrt hat – eine unangemessene Reaktion zu diesem Zeitpunkt.

Freddy Adjan, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft NGG: „Mit ihren aktuellen Entscheidungen im Tarifkonflikt überspannt die Unternehmensleitung den Bogen und verletzt geltendes Recht: Der Betriebsrat wird in der Ausübung seiner Rechte wiederholt behindert, Beschäftigte wurden von der Arbeit ausgesperrt und mit der Veröffentlichung der Namen von Streikenden wurden die Persönlichkeitsrechte unserer Kolleginnen und Kollegen massiv verletzt.“

 

Aus der Geschäftsführerkonferenz der IG Metall heißt es: „Leider erleben wir, dass die Geschäftsführungen der Gildeunternehmen mit aller Härte und rechtlich fragwürdigen Methoden gegen den gewählten Betriebsrat, die Beschäftigten und ihre Forderungen vorgehen. Als Metallerinnen und Metaller können wir dies nicht hinnehmen und einfach zuschauen. Um den Konflikt beizulegen, fordern wir die Arbeitgeber auf, die Tarifverhandlungen mit der Gewerkschaft NGG wieder aufzunehmen. Nur wenn dies geschieht, können alle laufenden Streikmaßnahmen zügig beendet werden. Schließlich gibt es in Tarifauseinandersetzungen Regeln, an die sich sowohl Gewerkschaften, aber auch die Arbeitgeber bei Gilde zu halten haben. Andernfalls werden wir Metallerinnen und Metaller unsere Kolleginnen und Kollegen bei der Ausweitung des Streiks unterstützen, um den Druck massiv zu erhöhen.“