Zukunft oder Widerstand – Kampf um jeden Arbeitsplatz

  • 14.10.2020
  • News, Textil

Northeim - Sie haben einen Sarg gebastelt, in dem sie ihr 104 Jahre altes Werk symbolisch zu Grabe tragen. So nicht. Sie kämpfen um ihre Arbeitsplätze, mit einer Demo vor dem Tor. Der Herrenanzughersteller Wilvorst will die Produktion am Stammsitz Northeim mit 220 Beschäftigten schließen und in Billiglohnländer verlagern. Weil‘s halt billiger ist.

Betriebsrätin Regina Ries

„Wegen Corona, haben sie gesagt“, erzählt Betriebsrätin Regina Ries. Sie arbeitet als Näherin hier, seit 35 Jahren. Und sie ist Mitglied der bundesweiten Tarif- und Verhandlungskommission der IG Metall für die Bekleidungsindustrie. Dass die Umsätze wegen Corona einbrechen, ist für Regina Ries nicht überraschend. Seit der alte Firmenchef 2018 in den Ruhestand ging, hat das neue Management alles komplett auf das „Kerngeschäft“ ausgerichtet: Hochzeitsanzüge. Läuft eher schlecht in Coronazeiten.

 

Früher hat Wilvorst sich breiter aufgestellt und andere Alternativen geschneidert, etwa Uniformen. Auch hier setzt das Konzept an, das der Betriebsrat gemeinsam mit der IG Metall Süd-Niedersachsen-Harz und Wirtschaftsberatern am vergangenen Mittwoch vorgelegt hat, um die Produktion „Made in Niedersachsen“ auch in Zukunft profitabel fortzuführen. Bereits morgen, am 20. Oktober, finden dazu die nächsten Gespräche zwischen den Betriebsparteien statt. Es geht um öffentliche Aufträge, Uniformen für Polizei, Feuer- und Bundeswehr oder Sportvereine, Masken und andere Hygieneschutzkleidung. In der Vergangenheit hat Wilvorst bereits erfolgreich für öffentliche Auftraggeber produziert und Aufträge sind vorhanden. Derzeit gibt es zum Beispiel offene Ausschreibungen von 1.070 Sakkos, 700 Blazer und 2.800 Hosen für das Logistik Zentrum Niedersachsen mit Sitz in Hann. Münden.

 

Darüber hinaus befinden sich in dem Alternativkonzept der Arbeitnehmervertreter neue Ideen, die durch das Corona-Sonderprogramm „Neustart Niedersachsen Innovation“ bezuschusst werden könnten. So zum Beispiel automatische Nähmaschinen, industrielle 3D-Drucker oder digitale Vermesser, welche zur Simulation bei der digitalen Vermessung von Kleidungsgrößen und Individualisierung des Produkts verwendet werden. Digitale Vertriebsstrukturen, der Ausbau der Nachhaltigkeit in der Herstellung und in Folge auch der Ausbau im Bereich der Service Economy stehen ebenfalls im Fokus. Die Wiederverwertung der Produkte soll außerdem auf den Prüfstand gestellt werden. „Doch genau das will das Management bisher nicht hören“, kritisiert Regina Ries. „Sie sind gar nicht bereit, Alternativen zu suchen und sich breiter aufzustellen.“

 

„Wir wollen unseren Stoff zurück“

Seit Juli läuft schon der „Testlauf“ für die Schließung: „Kurzarbeit Null“ in Northeim. Den Test lässt sich das Management von der Arbeitsagentur mit Kurzarbeitergeld subventionieren. Aufträge gehen nur noch an die ausländischen Standorte. „Dort ist die Qualität nicht so gut wie in Northeim. Wir mussten immer wieder nacharbeiten“, meint Regina Ries. Das ‚Made in Germany‘ würden sie mit der Produktionsschließung aufgeben. Stattdessen will Wilvorst mit „Green Wedding“ punkten. „Nachhaltig“ und „mit kurzen Transportwegen“ – aus Südosteuropa.

 

Sie kämpfen um ihre Arbeitsplätze bei Wilvorst. „Deshalb ist Beschäftigungssicherung für uns wichtiger denn je in der anstehenden Tarifrunde“, meint Regina Ries. „Arbeitsplätze sichern. Das wollen wir auch über Verbesserungen bei der tariflichen Altersteilzeit erreichen. Wir haben einen hohen Altersschnitt. Der Großteil unserer Beschäftigten wird bis zur Rente keinen Job mehr finden. Wir müssen es schaffen, ihnen einen früheren Altersausstieg zu fairen Bedingungen zu ermöglichen.“

 

Hintergrund:

Seit 104 Jahren produziert die Firma Wilvorst am Standort in Northeim festliche Herrenmoden und ist mit circa 220 Beschäftigten im Bereich der Hochzeitsanzüge Marktführer. Nachdem in den vergangenen Jahren stets Gewinne gefahren wurden, sind die Umsätze im Zuge der Corona-Krise um bis zu 35 Prozent eingebrochen. Die Geschäftsführung plant nun einen Kahlschlag im Schatten der Corona-Krise und will die Produktion am Standort schließen. Es sollen bis zu 65 Prozent der Belegschaft entlassen werden. Der Standort Deutschland sei für die Herstellung von Bekleidung nicht mehr rentabel, heißt es von der Geschäftsführung. Bereits seit Juli werden alle eingehenden Aufträge in die Produktionsstandorte in Osteuropa verlagert, unter anderem auch die Produktion von Mund-Nasen-Bedeckungen. Es herrscht dadurch weitestgehend Kurzarbeit in Northeim.