Automobilindustrie

Jörg Hofmann: „Für die IG Metall steht der Erhalt der Industriestrukturen im Mittelpunkt“

  • 20.10.2020
  • News

Frankfurt am Main – Die Automobilindustrie steht mitten in einem tiefgreifenden Wandel. Transformation und Digitalisierung erzwingen Veränderungen bei Produkten und Verfahren, die Corona-Pandemie hat zudem einen tiefen Konjunktureinbruch ausgelöst. Diese strukturelle und konjunkturelle Doppelkrise bringt vor allem kleine und mittlere Zulieferer in Bedrängnis. Welche Wege aus dieser Krise herausführen, diskutieren am Dienstag Betriebsräte aus Zulieferunternehmen auf einer von der IG Metall und der Hans-Böckler-Stiftung gemeinsam ausgerichteten virtuellen Konferenz.

Autokarosserie auf Band ( Foto: iStock_Rainer Plendl)

„Jetzt müssen die Weichen richtiggestellt werden“, fordert Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IG Metall, anlässlich dieser Konferenz. „Für die IG Metall steht der Erhalt der Industriestrukturen im Mittelpunkt. Industrie ist nicht nur Motor für Innovation und Beschäftigung, die guten Entgelte sind auch der Nährboden unseres Wohlstandes. Dörrt dieser aus, bricht eine wichtige Basis zur Bewältigung des Klimawandels weg.“

Um die Transformation in der Automobilindustrie und insbesondere bei den Zulieferbetrieben zu stemmen und zu gestalten, hat die IG Metall Vorschläge unterbreitet, die drei Elemente enthalten: einen Transformationsfonds, die Best Owner Group und die Förderung von Transformationsclustern.

 

Der Transformationsfonds soll Zulieferern privates Kapital zur Eigenkapitalstützung zur Verfügung stellen. Ein solcher Fonds kann die finanzielle Lage stabilisieren, die Unternehmen vor Insolvenzen sichern und Chancen für Innovationen und Investitionen in neue Geschäftsmodelle und die hierfür notwendigen Investitionen in Entwicklung, Sachanlagen und Qualifikation ihrer Beschäftigten eröffnen. Gespeist werden könnten Transformationsfonds aus Mitteln der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) oder des Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung (KENFO) zu marktüblichen Konditionen. Der Fonds sollte aber auch offen sein für andere institutionelle Investoren, die eine nachhaltige Industrieentwicklung mit ihrem Engagement unterstützen wollen. Auch die Fahrzeughersteller sind hier nach Auffassung der IG Metall in der Pflicht, sich hier finanziell zu engagieren.

 

Bei der Best Owner Group geht es um die Beteiligungen an Zulieferbetrieben, die am Verbrenner hängen und die sich absehbar verkleinern müssen, da sie keine Produktalternativen haben. Doch selbst wenn der Verbrenner irgendwann einmal Geschichte sein sollte, gibt es noch über viele Jahre hinweg einen nachlaufenden Ersatzteilbedarf. Mit dem Kapital aus Pensionskassen, Versicherungen, Family Offices und Unternehmen, die im Rahmen dieses Modells bei der BOG einsteigen, werden die Zulieferer bis zum Auslaufen der Produktion von Verbrenner-Teilen professionell begleitet. Eine Transformation der Belegschaft kann so zum Beispiel über einen langen Zeitraum sozialverträglich geplant, Beschäftigte können für zukunftsfähige Tätigkeiten qualifiziert werden. Auch bei der BOG sind die OEMs, also die Hersteller, als Kunden der Zulieferer in der Pflicht. Sie sollen sich mit entsprechenden Mitteln in den Fonds einbringen und langfristige Abnahmeverträge garantieren. Zusätzlich sollte die Politik auch bei diesem Vorschlag prüfen, ob und wie sie Zugang zu KfW-Mitteln oder KENFO-Mitteln unterstützen, die in den Fonds fließen könnten.

 

Regionale Transformationcluster sind Element einer präventiven Strukturpolitik in Regionen, die überdurchschnittlich von Zulieferbetrieben geprägt sind. Die Transformation birgt die Gefahr, dass erfolgreiche Automobilcluster aus Zulieferern, Dienstleistern, Forschungseinrichtungen und Herstellern zerstört werden - mit gravierenden Folgen für Wertschöpfung und Beschäftigung in diesen Regionen. Voraussetzung für Transformationscluster ist, dass betriebliche und regionale Akteure kooperieren, um Wege zu finden, wie Industriearbeit gesichert werden kann. Die finanziellen Mittel dafür sollten von Bund und Ländern bereitgestellt werden. Hierzu kann ein Teil der beschlossenen zwei Milliarden Euro zur Förderung von Innovation im Bereich der Zulieferer aus dem im Juni beschlossenen Konjunkturpaket der Bundesregierung eingesetzt werden. Was für den Kohleausstieg galt, gilt hier auch für diese Regionen, die nur durch einen konsequenten Wandel ihrer industriellen Strukturen davor geschützt werden können, zu Armutsregionen zu werden.

 

In den 1800 Zulieferbetrieben sind etwa 310.000 Menschen beschäftigt. Sie erwirtschaften 70 Prozent der Wertschöpfung in der gesamten Automobilindustrie. 2019 lag der Branchenumsatz bei über 80 Milliarden Euro, mehr als die Hälfte davon entfiel auf das Inland. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist der Umsatz in 2020 dagegen um gut ein Viertel eingebrochen, der Auftragseingang hat sich deutlich reduziert.