3. Oktober 2021

IG Metall: Tag der deutschen Einheit ist nicht Tag der sozialen Einheit - Nach wie vor existiert Kluft bei Entgelt und Arbeitszeit!

  • 01.10.2021
  • News, Gesellschaft

Nach mehr als 30 Jahren Wiedervereinigung ist im Brandt’schen Sinne zusammengewachsen, was zusammengehört. Die willkürliche Teilung in Ost- und Westdeutschland, die ganze Familien zerrissen hat, fand mit der Wiedervereinigung ein Ende. Zeitgleich, betont Thorsten Gröger, IG Metall Bezirksleiter für Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, habe die deutsche Einheit „zu keiner sozialen Einheit geführt. Noch immer sind die Unterschiede, ob im Einkommen oder der Arbeitszeit, deutlich spürbar!“

Die Reichstagskuppel von Innen. Gröger: "Es braucht eine Politik, die sich kümmert". Foto: frankix/iStock

In vielen Bereichen habe ein Zusammenwachsen stattgefunden, in anderen sind die Kluft und die Trennlinien stärker geworden: „Wir erleben leider nach wie vor, dass die im Grundgesetz niedergeschriebene Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse nicht allerorts gegeben ist. Die Beschäftigten im Osten arbeiten oft länger und verdienen häufig weniger. Wir hören in Sachsen-Anhalt häufig Stimmen, die darüber verärgert sind und dies bei denen zu Unmut führt. Zurecht will ich sagen!“, so Gröger weiter.  

 

Klar sei, dass der Osten – Gröger blickt im Speziellen auf Sachsen-Anhalt – Perspektiven brauche. „Wie kann Sachsen-Anhalt Abwanderung von qualifiziertem Personal verhindern? Es braucht kluge Köpfe, sichere Arbeitsplätze und Sicherheiten für ganze Branchen. Die Transformation der Industrie macht vor Sachsen-Anhalt keinen Stopp, sondern muss auch hier gestaltet werden: Ökologisch, aber vor allem auch sozial. Dafür braucht es ein gigantisches Volumen an Zukunftsinvestitionen, um gute Beschäftigung zu sichern und neue Arbeitsplätze zu schaffen!“, erklärt der Bezirksleiter. Daher müssen Ideen zur Investitionsoffensive, wie vom DGB als Sachsen-Anhalt-Fonds vorgeschlagen, zentraler in der politischen Debatte diskutiert werden.

 

Wichtiger Schlüssel für gleichwertige Lebensverhältnisse seien auch Tarifverträge: „Es ist deutlich erkennbar, dass dort, wo dank Gewerkschaften Tarifverträge gelten, die Angleichung der Löhne deutlich schneller voranschreitet. Der Markt regelt es jedenfalls nicht von allein! Dort, wo sich Beschäftigte gewerkschaftlich engagieren, können sich Arbeitgeber vor einer anständigen Bezahlung nicht wegducken. Nach wie vor ist der Geltungsbereich von Tarifverträgen im Osten aber deutlich geringer als im Westen. Wir nehmen jedoch wahr, dass immer mehr Beschäftigte gemeinsam mit Gewerkschaften für eine Angleichung in die Offensive gehen!“. Ein wichtiger Schritt wäre, so Gröger fordernd, wenn die Politik endlich die Rahmenbedingungen schaffe, die dafür Sorge tragen, dass ausschließlich Unternehmen mit einem Tarifvertrag bei der öffentlichen Mittelvergabe berücksichtigt werden.

 

„Auch, wenn die Mauer weg ist, sieht die Lebensrealität vieler Menschen in Ostdeutschland noch immer anders aus als im Westen. Gemeinsam mit den anderen Einzelgewerkschaften des DGB werden wir den Kampf konsequent fortsetzen und dafür arbeiten, dass bestehende Ungleichheiten abgebaut werden!“, fährt der Gewerkschafter fort. Mit Blick auf die Bundestagswahlergebnisse in Sachsen-Anhalt schildert er: „Die Nachwahlbefragungen zeigen deutlich: Die soziale Frage steht gerade in ostdeutschen Bundesländern im Vordergrund der Wahlentscheidungen. Es geht um Fragen der Gerechtigkeit, der Sicherheit des Arbeitsplatzes, der Rente. Politik hat die Verpflichtung, Antworten auf die drängenden sozialen Fragen unserer Zeit zu liefern. Dort, wo zu lange der Stillstand verwaltet worden ist, machen sich am Ende falsche Alternativen am rechten Rand breit. Wenn in Sachsen-Anhalt knapp 20 Prozent der Wählerinnen und Wähler glauben, dass Rechtspopulisten ihre Interessen am besten vertreten, dann muss das ernstgenommen werden. Ewiggestrige wird man nicht überzeugen, aber einen großen Teil der Wählerschaft schon. Es ist an den demokratischen Parteien sich um die Anliegen und Ängste der Bürgerinnen und Bürger zu sorgen. Es braucht eine Politik, die nicht stigmatisiert, sondern sich kümmert - offen, im Dialog und vor allem auf Augenhöhe!“